Der Ansatz im Überblick
Gewalt ist nicht nur in Zeiten von Krisen und des Umbruchs eine immer verfügbare Handlungsoption für Individuen und Gruppen ebenso wie für Regierungen und Staaten. Die Zahl der Opfer zeigt, dass das vergangene 20. Jahrhundert das gewalttätigste in der gesamten Geschichte der Menschheit war.
Gewalt ist ein komplexes Problem mit vielfältigen Wurzeln und Ursachen. Es gibt deshalb für Gewalt keine einfachen Erklärungen und Lösungen. Voraussetzung für gelingendes Zusammenleben ist eine hohe Verlässlichkeit, dass Gewalt weder in zwischenmenschlichen Beziehungen noch im gesellschaftlichen Zusammenleben einen Platz hat, sowie dass Konflikte gewaltfrei ausgetragen werden. Beides ist in unserer Gesellschaft und weltweit nur unzureichend realisiert.
Gewaltprävention arbeitet an den Grundlagen menschlichen Zusammenlebens. Sie darf sich nicht in einem „Gegen-Gewalt“ erschöpfen, sondern muss positive Handlungs- und Lebensperspektiven eröffnen, die Gewalt überflüssig machen.
Obwohl dieses Handbuch primär den Bereich der Erziehung und Bildung im Blick hat, weist es doch permanent auf die Notwendigkeit hin auch die institutionellen, politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse einzubeziehen. Denn Gewalt lässt sich am ehesten überwinden, wenn man gemeinsam, umfassend und auf einer gesicherten wissenschaftlichen Grundlage vorgeht.
Betrachtet man den schulischen Bereich, so ist grundlegende Voraussetzung für jegliches Lernen ein angstfreies Klima, verbunden mit gegenseitiger Akzeptanz, Respekt und Wohlbefinden. Die Qualität der sozialen Lernsituation entscheidet über die Möglichkeiten Offenheit und Bereitschaft für Lernen entwickeln zu können, also letztlich über den Lernerfolg. Sowohl die Konzepte der Reformpädagogik, also auch die Ergebnisse der Hirnforschung, unterstreichen dies eindrücklich.
Gewaltprävention ist deshalb nicht nur normativ begründet, sondern aus pädagogischen und lernpsychologischen Notwendigkeiten heraus unabdingbar. Sie wird – so verstanden – zu keinem Zusatzprogramm für engagierte Lehrerinnen und Lehrer, sondern zur Grundlage von Lehren und Lernen überhaupt.
Die vorliegenden Materialien knüpfen an wissenschaftliche Untersuchungen und Erkenntnisse über wirksame Gewaltprävention an und bereiten diese für die pädagogische Praxis auf. Dabei wird davon ausgegangen, dass Gewaltprävention in den normalen Unterrichtsverlauf, Schulalltag und in den Prozess der Schulentwicklung integriert werden kann und muss, sowie dass es nicht um Einzelmaßnahmen, sondern letztlich um die Verbesserung der Lernbedingungen und des Zusammenlebens insgesamt geht. Gewaltprävention umfasst im schulischen Kontext deshalb vier zentrale Bereiche:
- Die Verbesserung der sozialen Schulqualität.
- Die Etablierung und Verdeutlichung von Regeln und Normen des Zusammenlebens.
- Der Umgang mit Konflikten und damit verbunden der Aufbau eines schulischen Konfliktmanagementsystems.
- Das Handeln in akuten Gewaltsituationen.
Für den gesellschaftlichen Kontext reicht dies jedoch nicht aus. Hier müssen neben pädagogischen auch gesellschaftspolitische Gesichtspunkte und Initiativen hinzu kommen. Hierzu gehören u.a. die Förderung einer kinder- und jugendfreundlichen Umwelt, die Unterstützung von Familien bei der Erziehung von Kindern sowie das Angebot von Zukunftschancen für junge Menschen, damit diese ihren Platz in der Gesellschaft finden und das Gefühl „gebraucht zu werden“ entwickeln können.
Gewaltprävention zielt auf die direkte oder indirekte Beeinflussung von Personen bzw. Situationen, um das Risiko zu vermindern, dass Gewalttaten begangen und Menschen Täter oder Opfer von Gewalt werden.
Herbert Scheithauer u.a.: Gelingensbedingungen für die Prävention interpersonaler Gewalt im Kindes- und Jugendalter. In: Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Theorie und Praxis des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Berlin 2008, S. 52.
Basics der Gewaltprävention
Durch alle Bausteine dieses Handbuches ziehen sich bestimmte Basics der Gewaltprävention. Diese sind u.a.:
Der Komplexität gerecht werden
Gewaltprävention und der Umgang mit Gewalt bedeuten Umgang mit Komplexität. Komplexe Probleme lassen sich nur lösen, wenn die ganze Organisation lernt und nicht nur einzelne Lehrkräfte oder Eltern. Dies ist eine zentrale Einsicht des Netzwerklernens und der Organisationsentwicklung. Deshalb:
- systemisches Denken statt vorschneller kausaler Bezüge;
- gemeinsam handeln statt isolierter Verhaltenssteuerung;
- von anderen lernen statt alles neu (er)finden zu müssen;
- kollektives Lernen, indem Verantwortung für das größere Ganze übernommen wird statt individualistischer Ansätze;
- Einbeziehen außerschulischer Organisationen und Partner statt Beschränkung auf schulische Maßnahmen und Veranstaltungen.
Verhalten und Verhältnisse im Blick haben
Verhaltensorientierte Ansätze sind wichtig, doch sie allein reichen bei weitem nicht aus. Oft sind es auch die Umstände oder die Verhältnisse, die das unliebsame Verhalten hervorbringen oder stabilisieren. Hier muss der Blick geöffnet und geschärft werden für notwendige Veränderungen im Umfeld.
Die Sprache der Gewalt lesen lernen
Diagnostische Kompetenzen sind notwendig, um die Sprache der Gewalt (Opfersignale ebenso wie Gewaltbotschaften) wahrnehmen und verstehen zu können. Gewalt als Kommunikationsform macht auf individuelle und kollektive Probleme aufmerksam – nicht direkt und offen, sondern verdeckt und symbolisch. Ansatzpunkt für Gewaltprävention sollten deshalb die Probleme sein, die Jugendliche haben, nicht die, die sie machen, meint Gunter A. Pilz. Und Reiner Steinweg formuliert die zentrale Frage der Gewaltprävention so: „Was brauchen Jugendliche, damit sie Gewalt nicht brauchen?“.
Differenzierungen vornehmen
Differenzierungen sind wichtig. Trotz vieler Gemeinsamkeiten von Gewalthandlungen sind sie doch, was ihre Formen und Schwere betrifft, sehr unterschiedlich. Das Instrumentarium für Prävention und der Umgang mit Gewalt muss für jede Einrichtung, für jede Altersgruppe sowie auch für Jungen und Mädchen spezifisch entwickelt werden.
Risikofaktoren kennen und begrenzen
Risikofaktoren zu kennen, die Aggression und Gewalt auf individueller, familiärer, gruppen- und gesellschaftlicher Ebene fördern und diese so weit wie möglich zu reduzieren und zu begrenzen ist das zentrale Anliegen.
Ressourcen- und resilienzorientiert vorgehen
Selbstwertfühl aufbauen und positive Identitäten entwickeln zu können sind ressourcenorientierte Zugänge, die Jugendliche auch im schulischen Kontext Selbstwirksamkeit erfahren lassen und ihnen verdeutlichen, was sie können. Die Resilienzforschung hat gezeigt, wie sich Kinder und Jugendliche trotz widriger Umstände positiv entwickeln können. Diese Schutzfaktoren müssen systematisch in Ansätze der Gewaltprävention aufgenommen werden.
Medien einbeziehen
Obwohl immer gefordert, sind erstaunlicher Weise medienpädagogische Ansätze im Kontext der Gewaltprävention unterrepräsentiert. Konstruktive Ansätze für Medienpädagogik sind wichtig und zentral. Der Umgang mit Medien und die Auseinandersetzung mit Gewalt in Medien kann nicht durch eine „Bewahrpädagogik“ erlernt werden.
Gewaltfreiheit als Norm
Ein Risikofaktor für gewalttätiges Verhalten sind die Normen der Gewaltakzeptanz in den jeweiligen jugendlichen Bezugsgruppen (Peers), aber auch die unklare Haltung der Gesellschaft zur Gewalt. Deshalb ist es für Gewaltprävention wichtig, Gewalt konsequent zu verurteilen und Alternativen vorzuleben. Ein Problem dabei ist, dass Gewalt in keiner Gesellschaft prinzipiell verboten und tabuisiert ist, sondern dass immer unterschieden wird zwischen guter und schlechter sowie zwischen legitimer und illegitimer Gewaltanwendung (im gesellschaftlichen und internationalen Bereich), häufig verbunden mit der Frage der Machtausübung und Machterlangung.
Die Schulebene berücksichtigen
Kern der Schule ist der Unterricht. Aber Schule ist mehr als Unterricht. Deshalb genügt es auch nicht, Gewaltprävention nur und ausschließlich auf der Unterrichts- und Klassenebene zu verankern. Schule ist ein eigenständiger Lebensraum für Schülerinnen und Schüler sowie für die Lehrkräfte. Die Berücksichtigung der Schulebene weist auf die Dimension von gemeinsam verantworteten und gelebten Werten und Normen, der demokratischen Gestaltung des Schullebens und der Entwicklung einer „guten Schule“ hin.
Auf der Klassenebene arbeiten
Die Klasse ist der soziale Lebensraum für die Schülerinnen und Schüler. Das Geschehen in der Klasse entscheidet wesentlich über Lernmotivation und Lernerfolg, aber auch über das Erleben des sozialen Miteinanders. Moderne Didaktik vernetzt verschiedene unterrichtliche Aspekte miteinander und fördert ein ganzheitliches handlungsorientiertes Lernen. Die Klasse entwickelt dabei ein eigenes Instrumentarium der Konflikt- und Problembewältigung. Gleichzeitig ist die Klasse auch der Rahmen und der Lernort für die Bewältigung einer Vielzahl von Konflikten und Problemen.
Die einzelnen Schülerinnen und Schüler im Blick haben
Jugendliche sind nicht Objekte von pädagogischen „Maßnahmen“, sondern gestalten selbst und übernehmen die Initiative und Verantwortung. Vielfältige Angebote und Materialien sollen Jugendliche unterstützen, ihre kommunikativen Fähigkeiten auszubauen, sozial kompetenter zu werden, Gewalt sensibel wahrzunehmen und zivilcouragiert zu handeln.
Dies kann nicht alleine durch Lehr- und Lerneinheiten erreicht werden, sondern nur in Kombination mit der Modellfunktion von Eltern, Lehrerinnen und Lehrern sowie einer entsprechenden Gestaltung des Schullebens.
Es geht unter diesem Aspekt primär um die einzelnen Schülerinnen und Schüler, die es zu fördern und in ihrer Entwicklung zu unterstützen gilt. Individuelle Hilfe bei (Entwicklungs- und Schul-) Problemen, Unterstützung beim Erlernen zentraler Werte und Normen, von sozialem Verhalten und beim Umgang mit Aggression und Gewalt, haben sich als wichtige Teilbereiche der Gewaltprävention bewährt.
Lehrerinnen und Lehrer qualifizieren und unterstützen
Für die oben beschriebenen Aufgaben und Anforderungen fällt den Lehrkräften eine Schlüsselrolle zu, in der sie initiierend, gestaltend und koordinierend tätig werden. Dies soll jedoch nicht nur instrumentell in Bezug auf die Umsetzung, die Unterrichtsgestaltung und das Verhältnis zu den Schülern und Schülerinnen geschehen, sondern auch reflexiv in Bezug auf die eigene Rolle in der Schule, das eigene Berufsverständnis und eigene Reaktions- und Verhaltensmuster – besonders, was Konfliktbearbeitung und Gewaltprävention betrifft. Lehrkräfte und Eltern sind im pädagogischen Prozess primär auch Modell und Vorbild. Von besonderer Bedeutung ist das Engagement der Schulleitung. Gewaltprävention muss Chefsache sein, wenn sie gelingen soll.
Bildung als Schlüssel: Bildung ist ein Schlüsselfaktor, der in der Lage ist den Teufelskreis der Gewalt nicht nur zwischen Kindern, sondern auch unter Erwachsenen zu durchbrechen. Sie kann Kinder sowohl dazu ermutigen sich selbst und andere zu respektieren, als auch ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen und für das, was sie möchten, einzutreten, ohne physische oder psychische Gewalt anzuwenden.
United Nations: World Report on Violence against Children. Geneva 2006, S. 153.
Eltern einbeziehen
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Antigewaltprogramme und Trainingsprogramme zum prosozialen Verhalten letztlich nur dann Erfolg haben, wenn die Eltern einbezogen sind. Einbezogen sein bedeutet mehr als nur informiert zu werden. Eltern müssen des Weiteren in ihrer eigenen Erziehungskompetenz unterstützt und gefördert werden, sodass Schule und Elternhaus gleiche Ziele verfolgen und nach gleichen Erziehungsgrundsätzen handeln.
Kooperation und Networking
Gewaltprävention kann nicht gelingen, wenn sie von einzelnen Eltern oder Lehrkräften alleine durchgeführt wird. So wichtig individuelles Engagement ist, so bedarf es des gemeinschaftlichen Handelns vor einem geteilten Werte- und Handlungskontext. Dies bedeutet auch, dass sich Kolleginnen und Kollegen in schwierigen Situationen und Auseinandersetzungen gegenseitig beistehen, unterstützen und helfen. Gewaltprävention braucht Netzwerke, Zusammenarbeit über die einzelnen Schulen hinweg mit Eltern, Fachkräften der Jugendhilfe und der polizeilichen Gewaltprävention.
Zugehörigkeiten: Wenn Kriminalprävention auf Inklusion, auf soziale Teilhabe und Partizipation gerichtet ist, den öffentlichen Raum sichert und das Sicherheitsgefühl verbessert, dann ist und schafft sie auch soziales Kapital: Eine Atmosphäre der Solidarität, der Zugehörigkeit und des sozialen Vertrauens, der Verlässlichkeit der gemeinsam geteilten Regeln, Normen und Werte und nicht zuletzt des Vertrauens in die Institutionen des Staates. Dadurch leistet Kriminalprävention einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Gewährleistung von Vielfalt, gerade in „unsicheren Zeiten“. Es geht namentlich darum, die Pluralität sozialer sowie ethnisch-kultureller Gruppierungen, Lebensstile, Verhaltensweisen, Werte und Normen zu sichern.
Hannoveraner Erklärungdes 14. Deutschen Präventionstages. Hannover 2009, Auszug. www.praeventionstag.de/html/GetDokumentation.
Die vier Ebenen im Blick haben – das ökologische Modell der WHO
Das mit vier Ebenen arbeitende Modell ist hilfreich für die Ergründung der das Verhalten beeinflussenden Faktoren oder von Faktoren, die das Risiko, zum Gewalttäter oder Gewaltopfer zu werden, erhöhen.
- Auf der individuellen Ebene werden die biologischen Faktoren und persönlichen Entwicklungsfaktoren erfasst, die einen Einfluss darauf haben, wie sich der einzelne Mensch verhält, und ihn mit erhöhter Wahrscheinlichkeit zum Gewaltopfer oder -täter werden lassen.
- Die zweite Ebene ist die Beziehungsebene, auf der die engen zwischenmenschlichen Beziehungen zu Familie, Freunden, Intimpartnern, Gleichaltrigen und Kollegen u. a. auf die Frage hin untersucht werden, inwieweit sie das Risiko, zum Gewaltopfer oder -täter zu werden, erhöhen.
- Auf der dritten Ebene geht es um die soziale Beziehungen stiftenden Umfelder der Gemeinschaft wie Schulen, Arbeitsplätze und Nachbarschaften und um die für die jeweiligen Settings charakteristischen, Gewalt fördernden Risikofaktoren.
- Bei der vierten Ebene richtet sich der Blick auf die gesellschaftlichen Faktoren im weiteren Sinne, die ein die Gewalt förderndes oder ihr abträgliches Klima schaffen. Dazu gehören die Verfügbarkeit von Waffen sowie soziale und kulturelle Normen.
World Health Organization: Violence Prevention Alliance. Building global commitment for violence prevention. Geneva 2005.
Der Aufbau des Handbuchs
Das Handbuch gliedert sich in 19 Kapitel (Bausteine) die alle zentralen Bereiche der Gewaltprävention aufgreifen:
Grundlagen der Gewaltprävention (1.2)
In diesem einführenden Kapitel werden grundsätzliche Anfragen an das Konzept Gewaltprävention benannt und zusammenfassend skizziert. Erste grundlegende Erkenntnisse über die Gewaltbelastung in der Schule sowie Thematisierungswege werden eingeführt. Die angesprochenen Gesichtspunkte und Problemfelder werden in späteren Kapiteln vertieft und ausführlich diskutiert.
Gewalt (2.1)
Ein differenzierter Gewaltbegriff ist für Gewaltprävention zentral. Das Kapitel „Gewalt“ diskutiert verschiedene Gewaltbegriffe, macht auf Ursachen und Zusammenhänge von Gewalt aufmerksam und lenkt die Aufmerksamkeit darauf, das eigene Gewaltverständnis zu reflektieren.
Gewalt an Schulen (2.2)
Dieses Kapitel klärt, was unter Gewalt an Schulen zu verstehen ist, welche Erkenntnisse über Ausmaß und Schwere der Gewaltvorfälle verfügbar sind sowie welche Ursachen und Risikofaktoren als relevant gesehen werden können. Dabei wird neben der von Schülerinnen und Schülern ausgehenden Gewalt auch die der Lehrkräfte und des Schulsystems beleuchtet.
Jugendliche in Krisensituationen (2.3)
Kinder und Jugendliche durchleben vielfältige Krisensituationen, die sie auf unterschiedliche Weise bewältigen und verarbeiten können. In diesem Kapitel werden destruktive Bewältigungsversuche, wie Essstörungen, Selbstverletzungen, Selbsttötungen oder Suchtmittel aufgegriffen und dabei wird auch nach Unterstützung und Hilfsangeboten gefragt. Das Resilienzkonzept zeigt Wege, wie Persönlichkeiten gestärkt werden können.
Jugendgewalt (2.4)
In diesem Baustein wird beleuchtet, was unter Jugendgewalt verstanden wird, wie weit sie verbreitet ist, welche Risikofaktoren für Jugendgewalt bekannt sind und welche Gegenstrategien sich als erfolgversprechend erwiesen haben. Dabei werden Jugendliche nicht nur als Täter, sondern auch als Opfer gesehen.
Gewaltprävention in der Schule (2.5)
Das Kapitel verdeutlicht die Ansatzpunkte, Handlungsmöglichkeiten und Vorgehensweisen bei der Implementierung von Gewaltprävention in der Schule. Es zeigt, dass sich wirksame Gewaltprävention im Kontext von Schulentwicklung vollzieht und nicht auf Einzelmaßnahmen beschränkt bleiben darf.
Familie und Kommune (3.1)
Die Rolle und Bedeutung der Familie und der Kommune bei der Entstehung von Gewalt sowie Möglichkeiten der Gewaltprävention werden aufgegriffen. Häusliche Gewalt wird in ihren verschiedenen Dimensionen sichtbar gemacht. Grundlegende Anforderungen an und Handlungsmöglichkeiten von Gewaltprävention im kommunalen Umfeld werden dargestellt.
Schulentwicklung (3.2)
Eine gute Schule ist eine gewaltfreie Schule. Deshalb werden die Zusammenhänge zwischen Schulqualität und Gewaltaufkommen beleuchtet. Im Zentrum steht die Frage nach den Merkmalen von gutem Unterricht, guten Lehrkräften und von einer guten Schule. Des Weiteren werden Möglichkeiten der Schulentwicklung, die zu diesen Zielen führen, reflektiert.
Kommunikation (3.3)
Gelingende Kommunikation ist ein Schlüssel zur Gewaltprävention. In diesem Baustein werden deshalb die Grundlagen menschlicher Kommunikation beschrieben und Möglichkeiten gelingender Kommunikation aufgezeigt. Dabei kommen der sozialen Wahrnehmung, dem Ausdruck von Gefühlen sowie der nonverbalen Kommunikation besondere Bedeutung zu.
Konstruktive Konfliktbearbeitung (3.4)
Konstruktive Konfliktbearbeitung ist einer der Kernpunkte von Gewaltprävention. Die Fähigkeit, Konflikte konstruktiv, d.h. ohne Gewaltandrohung oder Gewaltanwendung und mit der Bereitschaft zum Kompromiss auszutragen, kann systematisch gelernt werden. Wissen über Konfliktverläufe, aber mehr noch das üben von Verhaltensmöglichkeiten in Konfliktsituationen tragen hierzu bei. In diesem Kapitel werden deshalb Grundlagen der Konfliktbearbeitung dargestellt. Es wird geklärt, was ein Konflikt ist, welche Dynamik die Eskalation von Konflikten beinhaltet und auf welchen Grundsätzen konstruktive Konfliktbearbeitung beruht. Des Weiteren wird das Konzept der Mediation umrissen.
Demokratie- und Werteerziehung (3.5)
Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Akzeptanz von sozialen Werten und Normen und der Ablehnung von Gewalt. Die Verinnerlichung von Normen wird durch Konfrontation und Einüben gefördert. Der Baustein verdeutlicht, dass Demokratie als Lebensform täglich gelebt werden muss und, dass Werte in der Auseinandersetzung mit Alltagsproblemen gelernt werden. Partizipation in Familie, Schule und Kommune und die gegenseitige Anerkennung und Achtung sind Voraussetzungen für eine moralische Entwicklung.
Interkulturelles Lernen (3.6)
Interkulturelles Lernen wird verstanden als Auseinandersetzung mit dem Anderen, Fremden, als Bewusstwerden der eigenen Kultur und der Gleichwertigkeit anderer Kulturen. Es geht darum, Abwertungen, Diskriminierungen und Fremdenfeindlichkeit zu bekämpfen und interkulturelle Kompetenzen zu stärken. Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund kommt dabei besondere Aufmerksamkeit zu. Das Kapitel führt in das Verständnis von interkulturellem Lernen ein und zeigt vielfältige praktische Handlungsmöglichkeiten auf.
Sport und Fair Play (3.7)
Dieser Baustein verdeutlicht, welche Möglichkeiten Sport für Gewaltprävention bietet. Er weist jedoch darauf hin, dass Gewalt auch durch Sport und sein Umfeld begünstigt oder gar gefördert werden kann. Die Grundsätze der Fair-Play-Erziehung sind über den Bereich des Sports hinaus anwendbar. Das Beispiel „Straßenfußball für Toleranz“ zeigt, wie Regelveränderungen zu neuen Spielformen führen können.
Die Grundhaltung: (Die) erzieherische Grundhaltung kriminalpräventiver Maßnahmen und Programme ist eine inkludierende, Solidarität vermittelnde Haltung. Sie signalisiert: „Wir geben euch nicht auf, wir wollen, dass ihr dazu gehört, integriert seid und teilhabt!“ Strafen, Maßnahmen der Kriminalrepression, wirken dagegen grundsätzlich ausschließend, exkludierend (wobei der Strafvollzug, das Ein- und Wegsperren, dann die maximale Form der Exklusion ist).
Wiebke Steffen: „Solidarität leben – Vielfalt sichern.“ Moderne Gesellschaften und Kriminalität. Der Beitrag der Kriminalprävention zu Integration und Solidarität. Gutachten für den 14. Deutschen Präventionstag 8./9.6.2009. Hannover 2009, S. 6 f.
Medien (3.8)
Die mit den Neuen Medien verbundenen Gefahren werden hier benannt und gleichzeitig vielfältige Möglichkeiten des produktiven Umgangs mit diesen Medien dargestellt. Jugendschützerische Gesichtspunkte werden dabei weniger unter dem Aspekt des Verbotes als vielmehr dem des Erwerbs von Medienkompetenz im Sinne der Fähigkeit zur eigenen Mediengestaltung diskutiert.
Zivilcourage lernen (4.1)
Dieser Baustein veranschaulicht, was zivilcouragiertes Handeln bedeutet und welche Voraussetzungen vorhanden sein müssen, um Zivilcourage zu fördern. Dabei geht es nicht nur um das Eingreifen in Problemsituationen, sondern vor allem auch um eine Schärfung der Sensibilität und des Gewissens für die Verletzung der Rechte anderer. Nicht Wissen, sondern eigene Handlungsmöglichkeiten stehen dabei im Vordergrund.
Verhalten in akuten Gewaltsituationen (4.2)
Der angemessene Umgang mit konkreten Problem-, Konflikt-, und Gewaltsituationen ist Inhalt dieses Bausteins. Bewährte Regeln und Vorgehensweisen zu kennen, stellt zwar keine Garantie für „richtiges Handeln“ dar, kann jedoch die Eigengefährdung und die Gefährdung anderer reduzieren und dazu beitragen, dass Opfer geschützt und Täter zur Rechenschaft gezogen werden können. In diesem Baustein wird gezeigt und diskutiert, welche Möglichkeiten des Umgangs mit (körperlichen) Bedrohungs- und Gewaltsituationen angebracht sind. Dabei wird das Verhältnis von Opfer, Täter und Zuschauer thematisiert und es werden prinzipielle Vorgehensweisen für Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie Eltern vorgeschlagen.
Mobbing (4.3)
Mobbing ist in der Schule und der Arbeitswelt weit verbreitet. Dieser Baustein verdeutlicht, was Mobbing ist und wie Mobbing entsteht. Insbesondere wird die Dynamik des Mobbingsystems aufgegriffen, in dem Opfer, Täter, Unterstützer und Zuschauer zusammenwirken. Die Materialien bieten Möglichkeiten des Erkennens von Mobbing sowie konkrete Vorgehensweisen bei Mobbingfällen an.
Rechtsextremismus (4.4)
Dieser Baustein zeigt, was Rechtsextremismus ist, welche Überzeugungen ihm zugrunde liegen und welche Erklärungsansätze diskutiert werden. Vor diesem Hintergrund werden politische und pädagogische Handlungsmöglichkeiten gegen Rechtsextremismus entfaltet.
Amoklauf an Schulen (4.5)
Der Baustein Amoklauf an Schulen bietet Informationen über Vorkommen und Hintergründe von extremer Gewalt an Schulen. Des Weiteren werden Hinweise zur Vorbereitung auf und zum Handeln in solchen extremen Situationen gegeben, sowie Wege zum Umgang nach solchen Attacken aufgezeigt. Der Umgang mit posttraumatischen Belastungsstörungen und Trauer ist dabei von besonderer Bedeutung.
Das Zentrale: Ich glaube das Zentrale ist, dass man nicht an Problemen ansetzen sollte, die junge Menschen uns machen, sondern an denen, die sie selbst haben. Denn hinter der Gewalt stehen ja in der Regel eigene Erfahrungen mit Gewalt. Der Schlüssel für Gewaltprävention besteht darin, genau an diesen Gewalterfahrungen anzusetzen. Wenn dies geschieht und die Jugendlichen bemerken, dass man sie mit ihren Problemen ernst nimmt, dann sind sie auch offen für die Auseinandersetzung mit den Problemen, für die sie verantwortlich sind.
Gunter A. Pilz: Sportund Gewaltprävention. Transkription eines Interviews mit Günther Gugel vom 23.9.2008. In: Uli Jäger/ Nadine Heptner (Red.): Fußball für Frieden und Entwicklung. Tübingen 2009, S. 24 ff.
Der Aufbau der Bausteine
Die 19 Kapitel (Bausteine) dieses Handbuches sind jeweils in sich abgeschlossen, obwohl sie aufeinander bezogen sind und aufeinander aufbauen. Trotz inhaltlicher Überschneidungen der Themenbereich wurden (nahezu) keine Doppelungen aufgenommen. In jedem Baustein gibt es jedoch Querverweise auf andere für das Thema relevante Materialien. Die Vielzahl der Themen und Materialien ermöglicht es an unterschiedlichen Punkten gleichzeitig zu arbeiten.
Die Bausteine beinhalten jeweils in einem ersten Teil einen Problemaufriss, verbunden mit wichtigen Hintergrundinformationen die in den Diskussionstand des Themas einführen und zentrale Fragestellungen benennen. Eine Übersicht über die vorhandenen Materialien mit Kurzhinweisen für einen möglichen Einsatz erleichtert die Orientierung. Die daran anschließenden Materialien bieten vertiefende Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit dem Thema an.
Die Bausteine sind dabei so konzipiert, dass sie sowohl die Schulebene, die Klassenebene und die Schülerebene einbeziehen und darüber hinaus auch Lehrkräfte und die Eltern berücksichtigen. Der Materialteil gliedert sich deshalb in den meisten Kapiteln in Materialien für diese drei Bereiche. Obwohl primär auf die Schule bezogen, bieten sie auch Zugangsweisen für die außerschulische Jugendarbeit.
Die Informationen für Lehrkräfte beinhalten die spezifische Sicht der Schule, verbunden mit Anregungen und Arbeitsmaterialien für Lehrerfortbildung oder zur eigenen Reflexion. Die Informationen für Eltern können u.a. im Rahmen von Elternabenden oder als Elternbriefe Verwendung finden. Die Ansatzpunkte für den Unterricht zeigen, wie im Rahmen des Unterrichts oder von Seminaren das Thema aufgegriffen werden kann. Der Materialienteil (M1 bis Mx) stellt Quellentexte, sowie konkrete Unterrichtsvorschläge, Arbeitsblätter, Spiele und Übungen zur Verfügung.
Der Public Health Ansatz der Weltgesundheitsorganisation
Die WHO geht davon aus, dass Gewalt ein komplexes Phänomen ist, das umfassend und ganzheitlich angegangen werden muss. Public Health konzentriert sich nicht auf den einzelnen Patienten, sondern eher auf die Gesundheit von Bevölkerungsgruppen und ganzen Bevölkerungen. Die Public Health geht gegen jede Gefährdung des Wohlergehens der Bevölkerung herkömmlicherweise mit den folgenden vier Schritten vor:
- Das Ausmaß des Problems wird erkundet und beobachtet,
- die Ursachen des Problems werden ermittelt,
- es werden Möglichkeiten zur Bewältigung des Problems gesucht und erprobt,
- die nachweislich wirksamen Maßnahmen werden in breitem Maßstab eingesetzt.
Der Public-Health-Ansatz ist wissenschaftlich fundiert. Von der Erkennung des Problems und seiner Ursachen bis zur Planung, Erprobung und Auswertung von Gegenmaßnahmen muss sich alles auf tragfähige Forschungsergebnisse gründen.
World Health Organization: Violence Prevention Alliance. Building global commitment for violence prevention. Geneva 2005, S. 12.
Die Grenzen des Handbuches
Dieses Handbuch kann trotz seines Umfangs nicht alle Aspekte der Gewaltprävention vertiefend darstellen. Es kann und will auch nicht in Konkurrenz mit spezifischen Modellen, Ansätzen und Trainings zur Gewaltprävention (z.B. in den Bereichen Kommunikation, Mediation, Anti-Aggressions-Training usw.) treten, sondern sieht sich eher als Ergänzung zu diesen. Das Handbuch bietet keine Tipps und Tricks, wie das Gewaltproblem einfach in Griff zu bekommen wäre. Es gibt bei gewaltpräventiven Maßnahmen nie eine Erfolgsgarantie, allenfalls eine begründete Erwartung, dass sich Probleme zum Besseren wenden lassen.
Ziel des Handbuches ist, die Vielfältigkeit und Komplexität der Thematik darzustellen und zugleich einen Handlungsrahmen zu skizzieren, in dem auch andere Ansätze ihren Platz finden können. Es wird hier also ein offenes Konzept (wenn man so will ein Baukasten) angeboten, das den jeweiligen Erfordernissen angepasst werden kann und das es weiter zu entwickeln gilt. Immer ist zu bedenken, dass kurzfristige Erfolge eher selten sind und ein langer Atem notwendig ist.